Warum das „Marburger Leuchtfeuer“ ? – Rede des HU-Ortsvorsitzenden Franz-Josef Hanke zur Preisverleihung 2006

Der Marburger HH-Vorsitzende Franz Josef Hanke begrüßte die Teilnehmenden zur Preisverleihung am 23. Juni 2006 im Historischen Saal des Marburger Rathauses.

Sehr geehrte Frau Dr. Hohmann-Dennhardt, lieber Herr Oberbürgermeister Vaupel, lieber Bürgermeister Franz Kahle, liebe Stadträtin Kerstin Weinbach, sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher Löwer, meine Damen und Herren Stadtverordnete, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde und – last, but not least – lieber Herr Professor Hengsbach!
Ich freue mich, Sie zur Verleihung des “Marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte“ im Historischen Saal unseres schönen Renaissance-Rathauses begrüßen zu dürfen. Ganz besonders freue ich mich auf die Laudatio von Frau Bundesverfassungsrichterin Hohmann-Dennhardt und die abschließenden Worte des Preisträgers.
Herr Hengsbach hat für den Nachmittag ja noch ein Gespräch mit Studentinnen und Studenten der Philipps-Universität in der Alten Universität vereinbart. Dieses wunderbare Gemäuer kennen Sie, Herr Hengsbach, ja bereits vom Marburger Ökumene-Gespräch, das Anfang des Jahres in der Alten Aula stattgefunden hat. Es knüpft an an das Marburger Religionsgespräch des Jahres 1529, bei dem Martin Luther und Ulrich Zwingli auf dem Landgrafenschloss über theologische Fragestellungen gestritten haben. Im Jahr 2006 ging es aber um wesentlich drängendere Probleme des Sozialen Miteinanders.
Solchen Themen haben Sie, Herr Hengsbach, in den zurückliegenden Jahrzehnten ihre Aufmerksamkeit gewidmet. Ihre hervorragenden Analysen und Beschreibungen wie auch Ihr Engagement für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben sind der Grund, warum wir Sie heute hier ehren. Doch dazu werden wir gleich mehr aus berufenerem Munde hören.
Mein Part ist es, einen Einblick in die Beweggründe zu geben, warum die Humanistische Union und die Stadt Marburg diesen Preis überhaupt verleihen. Auch dazu werden wir sicherlich eine ganze Reihe von Argumenten in der Laudatio und der Preisbegründung erfahren.
Erstmals überreicht worden ist das “Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ am 14. Juni 2005. Damals hat Ulrike Holler die Auszeichnung hier im Historischen Saal erhalten. In gut 40 Berufsjahren als Hörfunk-Journalistin hat sie ihr Interesse und ihre Stimme immer wieder denjenigen Menschen gewidmet, die von der Gesellschaft benachteiligt, ausgegrenzt oder übergangen werden.
Lange Zeit haben wir von der Humanistischen Union solche Mißstände, wie sie Frau Holler häufig in ihren Beiträgen für den Hessischen Rundfunk oder andere ARD-Anstalten dargestellt hat, öffentlich angeprangert. Auch heute ist das noch ein wichtiges Element unserer Arbeit.
Doch immer nur schimpfen und kritisieren macht allmählich müde. Deswegen bin ich sehr glücklich darüber, dass wir mit dem “Marburger Leuchtfeuer“ einen hervorragenden Weg gefunden haben, erfreuliche Beispiele des Einsatzes zugunsten der Sozialen Bürgerrechte hervorzuheben und zu würdigen. Zu unserer Freude konnten wir feststellen: Es gibt diese leuchtenden Vorbilder auch heute – in einer Gesellschaft, wo Egoismus und Rücksichtslosigkeit immer weiter um sich greifen – durchaus noch in nicht geringer Zahl!
Das “Leuchtfeuer“ soll solche Beispiele würdigen und den Preisträgern für ihr Engagement danken. Andere sollen dadurch ermutigt werden, ihnen nachzueifern. Und den – mittlerweile leider – Millionen von Menschen, die am Rande des Existenzminimums und der Gesellschaft leben, soll das Leuchtfeuer Mut machen: Ihr seid nicht allein, Ihr habt Verbündete!
Dass auch der Magistrat der Universitätsstadt Marburg mit seiner Beteiligung am “Leuchtfeuer“ Partei für die sozial benachteiligten Menschen ergriffen hat, erfüllt mich mit besonderer Freude und mit Stolz. In dieser Stadt, die auf fast 800 Jahre herausragende Tradition in fortschrittlichem sozialem Handeln zurückblickt, ist das aber bestimmt kein Wunder. Dennoch möchte ich der Stadt an dieser Stelle für ihre Beteiligung nochmals ganz herzlich danken.
In einem Interview im Vorfeld der Preisverleihung haben Sie, lieber Herr Vaupel, auch auf die Proteste der Studentinnen und Studenten gegen Studiengebühren hingewiesen. Abgesehen von dem Verfassungsbruch – Artikel 59 der Landesverfassung schreibt vor, dass der Unterricht an hessischen Hochschulen kostenfrei ist – ist die geplante Einführung von Studiengebühren sozial- wie auch bildungspolitisch genau das falsche Signal. Die PISA-Studie belegt doch, dass Kinder aus bildungsferneren Familien schon heute deutlich schlechtere Bildungs-Chancen haben.
Sozialer Ausgleich und Solidarität sind für jedes Gemeinwesen unerlässlich. Sie sind eine wesentliche “Geschäftsgrundlage“ jedes Staates. Staaten haben nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie den Menschen soziale Sicherheit und Frieden garantieren!
Das gilt ganz besonders für den demokratischen Staat: Demokratie kann nur verwirklicht werden, wenn alle Menschen uneingeschränkten Zugang zu allen Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen haben.
“Die Bundesrepublik ist ein sozialer und demokratischer Bundesstaat“, steht im Artikel 20 des Grundgesetzes. Die alltägliche Praxis der herrschenden Politik straft diese Aussage leider immer häufiger Lügen. Wenn der Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Bundestags-Ausschuss für Arbeit einen allgemeinen Arbeitsdienst für Erwerbslose fordert, dann erinnert mich das sehr fatal an den Reichsarbeitsdienst der 30er Jahre.
Häufig ist in letzter Zeit auch der Spruch zu hören: “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ Es gibt Menschen, die können nicht arbeiten. Sollen sie auch nicht essen?
“Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im Artikel 1 des Grundgesetzes. Diesem Leitsatz fühlen wir uns mit unserem Preis verpflichtet. Wir betrachten auch das “Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ als einen Akt des aktiven Verfassungsschutzes von unten.
Ihnen, liebe Frau Hohmann-Dennhardt, wünsche ich Klarheit und Kraft bei der Erfüllung Ihrer Aufgabe, die Verfassung im Rahmen von Gerichtsentscheidungen zu schützen. Allen Anwesenden wünsche ich jetzt eine mal besinnliche, mal kämpferische und auch mal heitere Feierstunde.

Franz-Josef Hanke

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