Die Seele des DGB und sein politischer Kopf – Laudatio von Franziska Wiethold zur Verleihung des Marburger Leuchtfeuers 2007

Dr. Franziska Wiethold

Die Laudatorin Franziska Wiethold am Redepult (Foto: Dragan Paclovic)

Die Gewerkschafterin Dr. Franzsiska Wiethold hielt am 03. Juli im Historischen Saal des Marburger Rathauses die Laudatio.

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Käte,ich möchte in meiner Laudatio nicht so sehr die vielen Aktivitäten von Käte aufzählen – das würde zunächst viel zu lang. Außerdem habe ich inzwischen gelernt: das Entscheidende ist, was jemand bewirkt hat, welche Spuren ein Mensch hinterlassen hat. Und deshalb möchte ich ein paar eigene Erfahrungen und die anderer Kolleginnen und Kollegen mit Käte schildern.Ich habe Käte Mitte der 60er Jahre kennen gelernt. Ich studierte in Marburg Politik und Soziologie, war Mitglied im SDS und in der AgF (der gewerkschaftlichen Studentengruppe) und in der gewerkschaftlichen Jugendbildungsarbeit aktiv. Wir wollten damals nicht nur die Welt verändern, sondern auch die Gewerkschaften. Das Verhältnis zwischen Studentenbewegung und Gewerkschaften war nicht einfach; selbst in Marburg nicht, wo wir durch Wolfgang Abendroth gelernt hatten, auf die real existierende Arbeiterbewegung zu setzen und uns nicht Wunschgebilde über das „revolutionäre Subjekt“ zu malen. Trotzdem witterten auch wir bei Gewerkschaftern schnell Anpassung oder Verrat; und neben den Gewerkschaftern, die uns gegen Widerstände in der Jugendarbeit einsetzten, gab es andere, die uns spiegelverkehrt zu unserem Bild von ihnen sofort als Linksradikale oder theoretische Spinner abtaten.

In Marburg kooperierten wir recht gut mit dem DGB-Kreisvorsitzenden und dem IG-Metall-Bevollmächtigten, aber auf beiden Seiten mit einigem Abstand. Die Beiden fühlten sich mit Sicherheit häufig von uns überfordert und überrollt. Aber da gab es noch Käte Dinnebier, damals formal noch Orga-Sekretärin, faktisch aber für uns schon damals die Seele des DGB und ihr politischer Kopf. Käte hat sich von uns nicht überrollt gefühlt (ist dir das überhaupt schon mal passiert?) – sie ist auf uns voller Neugier und Offenheit zugegangen. Du sahst in uns MitstreiterInnen in einer politischen Auseinandersetzung, in der manch anderer schon seinen Frieden mit den Kräfteverhältnissen gemacht hatte.

Ein Kollege, der damals im Frühjahr 68 die Aktivitäten unserer AgF gegen die Notstandsgesetze koordiniert hatte, hat mir dazu eine Geschichte erzählt: Wir von der AgF wussten, dass wir in die Betriebe reinmussten, um den Widerstand zu verbreitern. Aber wie als Studenten reinkommen? Du, Käte, hast uns nicht auflaufen lassen, wie es andere getan hätten, sondern die Kontakte zu Betriebsräten und Vertrauensleuten vermittelt. Als im DGB die Konflikte zunahmen, wie lange man noch am Widerstand gegen die Notstandsgesetze festhalten soll (man denke an die legendäre Auseinandersetzung zwischen Otto Brenner und Georg Leber) und der DBG auf Bundesebene wackelte, wackelte auch der DGB-Kreisvorsitzende in Marburg. Die AgF beschloss daraufhin ein „Go-in“ in das Marburger Gewerkschaftshaus, um den Kreisvorsitzenden „zur Rede zu stellen“. Wir haben Käte natürlich vorgewarnt; denn wir hätten es nicht fertiggebracht, unsere wichtigste Bündnispartnerin vor vollendete Tatsachen zu stellen. Und Käte hat im Vorfeld ganze Arbeit geleistet. Der DGB-Kreisvorsitzende holte nicht die Polizei, wie es in anderen Städten hätte passieren können – er stellte sich den Demonstranten und schwor, selbstverständlich bei der harten Linie zu bleiben (liebe Käte, wie lange hast du ihn dafür im Vorfeld bearbeitet?). Und dann gab es Bier und Würstchen und alle zogen befriedigt nach Hause.

An dieser kleinen Geschichte ist eine der wichtigsten Eigenschaften von Käte deutlich geworden: Du hast immer ein klare politische Linie gehabt, die nicht immer in SPD oder Gewerkschaften mehrheitsfähig war. Aber du hast bei politischen Meinungsverschiedenheiten nicht ausgegrenzt, gespalten, sondern zusammengeführt. Und wenn eine neue Bewegung aufkam, die sich auch kritisch mit den Gewerkschaften auseinandergesetzt hat, dann hast du nicht zugemacht und sie an deren Schwächen auflaufen lassen, sondern das Gemeinsame und die Diskussion gesucht. Auch später hast du vermittelt, wenn es bei Demonstrationen zu Spannungen mit dem angeblichen oder wirklichen „Schwarzen Block“ kam. Du hast in Bündnissen nicht sofort die Machtfrage gestellt nach dem Motto „Bündnis ja, aber nur unter meiner Führung“.

Ich wünsche mir, wir hätten von dieser Haltung – deiner Offenheit im Umgang mit unterschiedlichen politischen Strömungen – mehr gelernt. Denn in den 70er Jahren zerfiel die politische Bewegung auch deshalb, weil wir uns fraktioniert und gespalten haben und sofort aus Formen der Zusammenarbeit eine Machtfrage gemacht haben. Mir ist erst später bewusst geworden, dass zu deiner „Bündnisfähigkeit“ nicht nur eine andere politische Haltung gehört, sondern auch deine starke persönliche Kraft, die es nicht nötig hat, aus allem eine Machtfrage zu machen! Denn es gehört viel Selbstbewusstsein und Respekt vor anderen Menschen dazu, die Grenzen der eigenen Organisation, die Stärken anderer zu sehen und auch deshalb die Zusammenarbeit mit anderen zu suchen.

Dein großes Thema war der Kampf für Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit. Und da will ich ein Thema herausgreifen, das leider wieder sehr aktuell geworden ist – die Lohndiskriminierung von Frauen.

Du hast noch am eigenen Leib diese unsäglichen „Leichtlohngruppen“ für Frauen in der Industrie erlebt, die in den 50er Jahren üblich waren. Da mußten Frauen ihre Arbeit und damit auch sich als Menschen unter Wert verkaufen. Denn es ist eine der großen Lügen der Neoliberalen, dass der Arbeitsmarkt ein normaler Markt wie der Markt für Schweineschnitzel wäre. Arbeitskraft und Mensch ist nicht zu trennen! Und gleichzeitig wurde den Frauen damit das Recht abgesprochen, eigenständig zu leben und sich unabhängig von Dritten von ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Sie wurden degradiert zu Anhängseln des Ehemannes bzw. der Familie – auch das eine tiefe Verletzung ihrer Menschenwürde! Diese Tarifverträge waren den Gewerkschaften nicht nur von den Arbeitgebern aufgezwungen worden – es gab auch in den Gewerkschaften genug Konservative, die von Frauenemanzipation nichts hielten. Du hast mit anderen Kolleginnen den Kampf gegen diese Leichtlohngruppen auch in den eigenen Reihen und in schier endlosen Tarif- und Rechtsauseinandersetzungen begonnen. Und wir haben dabei wesentlich auch durch öffentlichen Druck und durch die Zusammenarbeit mit der in den 70er Jahren aufkommende Frauenbewegung eine Reihe von Erfolgen gehabt.

Auch hier zeigte sich: ohne die Zusammenarbeit mit der Frauenbewegung wäre es für uns in den Gewerkschaften und gegen die Arbeitgeber viel schwerer geworden. Wir haben auch hier den Anstoß „von außen“ gebraucht, um auch in den Gewerkschaften konservative Strukturen aufzubrechen. Du warst an vorderster Front dabei!

Und dazu wieder eine Erlebnis, das mir eine Kollegin erzählt hat, die in den 70er und 80er Jahren in der gewerkschaftlichen Frauenarbeit in Hessen engagiert war: Die Frauenbewegung belebte Ende der 70er Jahre den Internationalen Frauentag wieder. Der DGB-Bundesvorstand, in dem es dagegen erhebliche Vorbehalte gab, gab daraufhin in seiner endlosen Weisheit einen „Ukas“ raus, dass innerhalb der Gewerkschaften der Internationale Frauentag nicht gefeiert werden dürfte – das sei politisch suspekt, denn schließlich würde er in der DDR gefeiert und damit wolle man nichts zu tun haben. Man roch mal wieder die Unterwanderung. Die hessischen Gewerkschaftsfrauen ließen sich davon nicht abbringen – eher im Gegenteil – und bekamen bald heraus, dass ein DGB-Kreis trotzdem Aktivitäten plante, Veranstaltungen, ein großes Kulturprogramm usw. Sie beschlossen, alle dorthin zu fahren und den 8. März gemeinsam zu feiern. Es wird keinen wundern, welcher DGB-Kreis das war – natürlich der DGB-Kreis Marburg mit der ersten weiblichen Kreisvorsitzenden Hessens, Käte Dinnebier! Genauso wie bei der Studentenbewegung hast du auch hier viel früher als andere gemerkt, dass wir in den Gewerkschaften die Zusammenarbeit mit der Frauenbewegung dringend für unsere eigene Entwicklung brauchen. Du hast die Gewerkschaften geöffnet, statt auszugrenzen und sofort wieder die Unterwanderung zu wittern! Genauso hast du die Erwerbslosenarbeit im DGB aufgebaut, als das noch hoch umstritten war.

Laßt mich an dieser Stelle einen kurzen Schlenker zur aktuellen Auseinandersetzung um Mindestlöhne und Hartz IV machen: Wir mussten in den letzten 10 Jahren feststellen, dass unsere Erfolge gegen menschenunwürdige Niedriglöhne mehr als gefährdet sind; sie breiten sich in einer erschreckenden Geschwindigkeit wieder aus. Es ist erfreulich, dass die SPD im Kampf um existenzsichernde Mindestlöhne jetzt in Konflikt gegen CDU/CSU geht. Aber noch glaubwürdiger wäre sie in diesem Konflikt, wenn sie – vor allem Arbeitsminister Müntefering – endlich eingestehen würde, dass sie an der rasanten Ausbreitung der Mindestlöhne nicht unschuldig ist. Es war die rot/grüne Regierung, die – wenn auch erst im Vermittlungsausschuß – gegen unseren Protest mit den Hartz-IV-Gesetzen eingeführt hat, dass Arbeitslose jede Arbeit, egal ob zumutbar oder nicht, egal, ob Dumping- und Armutslohn oder nicht – annehmen muss. Das war vorher anders! Das ist ein fundamentaler Angriff auf die Rechte und die Menschenwürde von Arbeitslosen. Und es ist eine fast zynische Aufforderung an Arbeitgeber, die Löhne zu senken und die Not von Arbeitslosen auszunutzen. Was hat das noch mit Freiheit und Bürgerrechten zu tun? Wie frei ist ein Arbeitsloser auf dem Arbeitsmarkt, der gezwungen wird, auch einen menschenunwürdigen Arbeitsplatz anzunehmen? Auch das sollten wir stärker thematisieren, denn wir haben uns in den letzten Jahren den Freiheitsbegriff von Neoliberalen wegnehmen lassen, und die haben ihn zur Freiheit der Stärkeren umdefiniert. Für uns bedeutet aber Freiheit auch Freiheit von Existenzangst; Freiheit, sich auf einem Markt gleichberechtigt bewegen zu können und den Stärkeren nicht ausgeliefert zu sein. Ich weiß, liebe Käte, dass du deiner Partei diese harte Kritik an Hartz IV nicht erspart hast!

Ich habe viele Kolleginnen und Kollegen im Vorfeld gefragt, was sie mit Käte Dinnebier verbinden. Da kamen immer wieder folgende Sätze:

– Lebensmut auch in schwierigen Zeiten
– Sie verbindet die großen Themen wie Menschenwürde mit den sogenannten Alltagsproblemen
– Sie ist glaubwürdig, sie hat uns Mut gemacht.

Und fast alle sagten dazu: Wenn wir nur mehr Menschen wie Käte in unseren Reihen hätten…

Denn die Parteien und Verbände – auch die Gewerkschaften – werden von vielen nicht mehr als glaubwürdig empfunden. Nicht die Ziele, die wir vertreten, werden abgelehnt; viele Menschen haben aber den Eindruck, dass es große Worte geworden sind, dass sie aber mit ihren „Alltagsproblemen“ zu wenig wahrgenommen werden. Es gibt ein Misstrauen gegenüber Organisationen, ob sie denn das tun, was sie sagen und das sagen, was sie tun.

Du, Käte, hast uns beigebracht, große Themen mit den sogenannten Alltagsproblemen zu verbinden, um sie glaubwürdig zu machen. Große Bewegungen im Kampf um Menschenwürde leben davon, dass sie die Verletzung der Menschenwürde in den täglichen Verletzungen aufspüren, an die man sich so schnell gewöhnt – in der Angst vor Abhängigkeit von anderen bei Arbeitslosigkeit oder Altersarmut, in der Unterwerfung unter die wirtschaftlich Stärkeren, in der Demütigung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Bei dir, Käte, hatte niemand das Gefühl, dass du als wichtige Funktionärin nicht die Zeit und Kraft für die alltäglichen Probleme unserer Mitglieder hattest. Du hast nach politischen Aktionen nicht das Dankeschön für die Kolleginnen und Kollegen vergessen, die daran mitgearbeitet haben. Das ist Glaubwürdigkeit, deshalb haben dich die WählerInnen bei der Kommunalwahl 2001 so weit nach vorne gewählt.

Du hast vielen Kolleginnen und Kollegen ein Beispiel dafür gegeben, wie man eine klare Linie auch gegen Widerstände und Mehrheitsmeinungen durchhält, ohne hart zu werden. Es gibt nur wenige Kolleginnen und Kollegen, die so unermüdlich gekämpft haben. Und es gibt noch weniger, die dabei nicht hart oder zynisch geworden sind, sondern sich ihre Offenheit und Lebensfreude bewahrt haben. Häufig haben uns junge Kolleginnen, wenn wir sie für wichtige Gewerkschaftsfunktionen gewinnen wollten, geantwortet: “Das tu ich mir nicht an“ – nicht gerade ein positives Beispiel für das, was wir ausstrahlten. Du warst und bist anders: Du hast dein politisches Engagement, deine Streitlust und Konfliktfähigkeit verbunden mit Warmherzigkeit, Offenheit, Lebensfreude. Ich habe das früher unterschätzt; ich dachte, entscheidend ist, dass man die richtige politische Linie hat. Inzwischen weiß ich, dass die politische Linie nicht reicht, wenn nicht Persönlichkeit, Menschlichkeit dazukommt, damit man nicht hart wird oder abhebt und sich von Apparaten und Machtkämpfen auffressen lässt.

Mit deinem Beispiel hast du nicht nur vielen Kolleginnen und Kollegen konkret geholfen, hast die Gewerkschaften nach vorne getrieben. Du hast auch den Zielen der Arbeiterbewegung persönlich Glaubwürdigkeit gegeben. Du hast vielen jüngeren Kolleginnen und Kollegen Mut gemacht, „es“ sich anzutun, sich politisch zu engagieren und deine Arbeit weiterzuführen.

Du hast unendlich viel bewirkt. Und dafür möchte ich dir im Namen vieler einfach nur danken.

Franziska Wiethold

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