Abweichend von der Ankündigung – Begrüßungsrede zur Preisverleihung am 30. Juni 2008

Franz-Josef Hanke

Rede des HU-Ortsvorsitzenden Franz-Josef Hanke zur Preisverleihung 2006

Diese Begrüßungsrede hat Franz-Josef Hanke bei der Preisverleihung am 30. Juni 2008 im Historischen Saal des Marburger Rathauses gehalten.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Stadträtin Kerstin Weinbach, sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Humanistischen Union und – last, but not least – lieber Herr Professor Dr. Schwendter!
Im Namen des HU-Ortsverbands Marburg begrüße ich Sie ganz herzlich bei der diesjährigen Verleihung des „Marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte“. Dies ist bereits das vierte Mal, dass ich hier an diesem Redepult stehe, um die Preisverleihung zu eröffnen. Mit Herrn Schwendter haben wir auch diesmal wieder einen wirklich herausragenden Preisträger, an dessen Werk wir uns in der anschließenden Feierstunde ein wenig annähern möchten.
„Die Unmöglichkeit, zu telefonieren“, hat Rolf Schwendter 1990 eine Sammlung von Essays überschrieben. Ich möchte diesen Titel heute noch um ein paar Worte ergänzen: „Die Unmöglichkeit, innerhalb weniger Tage einen Laudator herbeizutelefonieren.“ Sie hat uns nämlich jetzt in eine missliche Situation gebracht, für die ich mich vorab bei Ihnen allen – ganz besonders aber bei Herrn Schwendter selbst – entschuldigen möchte.
Ursprünglich hatten wir Herrn Prof. Dr. Christoph Nix für die Laudatio gewonnen. Er hat uns leider jedoch kurz vor der Verleihung wegen einer Erkrankung abgesagt. Deswegen muss ich alle Anwesenden bitten, mit einer kleinen Laudatio vorlieb zu nehmen, die Jury-Sprecher Jürgen Neitzel mit meiner Unterstützung in aller Eile zusammengestellt hat. Herzlichen Dank für Deinen Einsatz, Jürgen!
Bedanken möchte ich mich auch bei Uli Düwert vom „Schnaps- und Poesie-Theater Marburg“. Freundlicherweise hat er kurzfristig die Aufgabe übernommen, die Laudatio auf den diesjährigen Preisträger zu verlesen. Herzlichen Dank dafür, Herr Düwert!
Das Lebenswerk unseres heutigen Preisträgers spricht indes für sich selbst. Jede – auch eine noch so ausgefeilte – Laudatio könnte ihm kaum wirklich gerecht werden.
„Wie kann man in einem einzigen Leben eine so gigantische Leistung vollbringen?“ Diese bewundernde Frage hat mir eine Mitstreiterin aus der Humanistischen Union gestellt, nachdem sie sich mit dem heutigen Preisträger auseinandergesetzt hatte.
Beantworten kann ich diese Frage nicht. Aber mir scheint vor allem eine unorthodoxe und unkonventionelle Herangehensweise an das Leben und seine Probleme die Grundlage für seine kreativen Erklärungs- und Lösungsansätze zu sein.
Lassen Sie mich, lieber Herr Schwendter, an dieser Stelle ein paar kurze persönliche Anmerkungen einflechten: Zum ersten Mal sind Sie mir Anfang der 70er Jahre aufgefallen. Damals wurde Ihre Schallplatte „Lieder zur Kindertrommel“ im Radio vorgestellt. Mich hat sie seinerzeit nicht gerade begeistert, wenn ich ehrlich sein darf. Aber irgendwie fand ich diese originelle Platte doch interessant.
Später sind Sie mir dann immer wieder mal in Gestalt von Schilderungen eines Mitstudenten begegnet, der aus Kassel stammt. Er erzählte, die Bahnpolizei habe Sie im Kasseler Hauptbahnhof verhaftet. Geschehen sei das allein wegen Ihres unkonventionellen Aussehens.
Einer der Beamten habe allerdings sofort ihre Freilassung verfügt: „Das ist doch dieser verrückte Professor!“
Diese Geschichte ist allerdings unwahr. Sie ist eine der Legenden, die in Kassel über Rolf Schwendter kursierten. In Wirklichkeit ist er zwar öfter von der Polizei angehalten und kontrolliert worden, aber nie arrestiert. Denn im österreichischen Ausweis sind die Doktortitel eingetragen. Und davon hat Schwendter gleich drei!
Doch diese Anekdote mag veranschaulichen, welchen Ruf Schwendter in Kassel außerhalb seines direkten Umfelds genoss. Wegen seines unkonventionellen Auftretens stempelten manche ihn als „Verrückten“ ab.
Doch was heißt eigentlich „verrückt“? Das ist eine der Fragen, denen Sie mit Ihrer Arbeit als Devianz-Forscher auf den Grund gehen wollten. Das haben Sie so gründlich getan, dass ein neues Konzept der „Sozialen Therapie“ dabei herausgekommen ist.
So viel nur vorab von meiner Seite! Mein Part an dieser Stelle ist schließlich nur die Begrüßung.
Allerdings scheint dafür noch ein Satz zum „Marburger Leuchtfeuer“ notwendig zu sein: Nach der Frankfurter Hörfunk-Journalistin Ulrike Holler im Jahr 2005, dem Frankfurter Sozialethiker Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ ein Jahr später und der langjährigen Marburger Gewerkschaftsvorsitzenden Käte Dinnebier im vergangenen Jahr können wir mit Herrn Schwendter auch in diesem Jahr wieder einen Menschen auszeichnen, der sich durch jahrelanges Engagement für die Rechte der Benachteiligten und an den Rand Gedrängten ausgezeichnet hat.
An dieser Stelle möchte ich nicht versäumen, unsere letztjährige Preisträgerin Käte Dinnebier ganz herzlich zu begrüßen. Ich freue mich sehr, dass Du heute hier unter uns bist, liebe Käte.
Unser diesjähriger Preisträger hat sich mit herausragenden Leistungen sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Kultur und im Sozialwesen hervorgetan. Gerade im kulturellen Bereich sieht die Humanistische Union ein besonderes Betätigungsfeld: Wer vom Arbeitslosengeld II (ALG II) und damit von 347 Euro im Monat zuzüglich Miete leben soll und muss, der kann sich kaum eine Eintrittskarte ins Theater oder Konzert leisten, selbst wenn sie verbilligt ist. Selber Bilder malen, fotografieren oder Musik machen kann er auch nicht mit der gleichen Freiheit und Gelassenheit, die die meisten anderen hier mitbringen. Dabei ist die kulturelle Teilhabe in jeder Form ein Soziales Grundrecht, ohne das eine demokratische Gesellschaft sich nicht frei entfalten kann.
Gehaltvolle Gedanken und kulturelle Aktivitäten hat Rolf Schwendter immer miteinander verbunden. Beides werden wir heute wohl noch zu hören bekommen. In diesem Sinne freue ich mich auf die nun folgende Feierstunde.

Franz-Josef Hanke

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