Preisbegründung der Jury

Rolf Schwendter

Der Preisträger Rolf Schwendter sang sein Lied "Ich bin noch immer unbefriedigt". (Foto: Dragan Pavlovic)

Die Preisbegründung der Jury hat Jürgen Neitzel bei der Preisverleihung am 30. Juni 2008 im Historischen Saal des Marburger Rathauses vorgetragen.
Das „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ 2008 erkennt die Jury dem Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Dr. Rolf Schwendter zu. Damit würdigt sie sein Wirken in mehreren verschiedenen Arbeitsgebieten. Seine preiswürdigen Aktivitäten reichen von „Theorie der Subkultur“ über „Neuere Sozialgeschichte der zentraleuropäischen Gastronomie“ bis hin zu mehreren Bänden über alternative, selbstverwaltete Ökonomie.
Gleich in mehreren sozialen Bewegungen hat Schwendter eine Schlüsselrolle inne gehabt. Das gilt im politischen Bereich für die bundesweit tätige „Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise“ (AG SPAK) und die Gesundheitsladen-Bewegung.
In seinem beruflichen Kasseler Umfeld gilt das für die von ihm glaubwürdig vertretene Basisdemokratie an der Universität und im Alltag. Auch an der Umsetzung der „Anti-Psychiatrie“ in Gestalt der „Sozialen Therapie“ hatte er maßgeblichen Anteil.
Darüber hinaus steht Schwendter im kulturellen Bereich für eine jahrzehntelange Praxis als Autor, Dramaturg und Regisseur des Wiener Lese-Theaters. Das Mainzer Open-Ohr-Festival hat er mit angestoßen und mehr als drei Jahrzehnte lang mitgetragen.
Die Wirkung seines unglaublich facettenreichen Lebens in Gestalt vieler aktiver Gruppen, Bücher und Projekte – besteht bis heute fort.
Als Devianz-Forscher verwehrte er sich entschieden gegen die Ausgrenzung psychisch erkrankter Menschen aus dem gesellschaftlichen Alltag. „Soziale Therapie“ statt Wegsperren lautete sein praktisch gelebtes Verständnis des Begriffs Menschenwürde.
„Selbstorganisation“ ist für Schwendter die wesentliche Bedingung persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Als „originärer 68er Radikaldemokrat“ suchte er in allen Lebensbereichen, kreativen Alternativen zum Durchbruch zu verhelfen.
Schwendter ist ein Aufklärer im besten, klassischen Sinne. Er ist eine Art intellektueller Zehnkämpfer. So hat er Doktortitel erworben in drei sehr unterschiedlichen Fachgebieten wie Jura, Politikwissenschaft und Theaterwissenschaft/Philosophie.
Bewundernswert findet die Jury, wie ein Mann auf so vielen Gebieten bleibende Leistungen – Bücher und Projekte – hervorbringen konnte. Sein Geheimnis war dabei vermutlich die Ernsthaftigkeit, mit der er sich auf sein Gegenüber und auf die Gegenstände einließ. Auch Tuchfühlung mit den Randständigen in der Gesellschaft scheute er nicht.
Er hat sich für die Respektierung von Obdachlosen ebenso selbstverständlich und praktisch eingesetzt wie für die Freie Entfaltung von Menschen, die wegen ihres „abweichenden“ Verhaltens in Psychiatrische Anstalten gesperrt wurden. Für ihn ist Menschenwürde kein leerer Begriff, sondern ein Anknüpfungspunkt für politisches und soziales Engagement.
In seinen Seminaren kamen Urchristen und Hippies vor, „Rocker, Vaganten, Ghetto-Juden, Bohemiens, Fürsorge-Zöglinge, Körperbehinderte, vielfarbige Minoritäten, die deutsche Jugendbewegung, die Irren, die Punks“. Gemeinsam mit den Studierenden suchte er „Alternativen zum Irrenhaus, zum Heim, zum Gefängnis, zur Zweier-Beziehung, zur kleinfamilialen Kinder-Aufzucht, zur Vereinzelung, zur Hochkultur, zur ausbeuterischen Ökonomie“ und zum Konsum als Grundhaltung.
Der rote Faden im Gesamtwerk Schwendters ist die gelebte Überzeugung eines Demokraten, der für volle kulturelle, politische und soziale Teilhabe aller Menschen eintritt.
Nicht ohne Grund residiert die „Interessengemeinschaft für ein Selbstbestimmtes Leben Behinderter“ (ISL) in Kassel. Schwendter hat diese Bewegung mit angestoßen und unterstützt, die sich damals selbst als „Krüppel-Initiative“ bezeichnete.
Als Autor mehrerer Kochbücher, Gedichtbände und Musik-Alben sowie als Mitstreiter beim Mainzer Open-Ohr-Festival zeigte Schwendter überdies, wie für ihn soziales Leben und Kultur untrennbar miteinander verbunden sind.
Aktives wie auch teilnehmendes Mitwirken am kulturellen Leben ist nach Überzeugung der Jury ein wesentliches Soziales Grundrecht. Die Menschenwürde ist nicht voll verwirklicht, wenn wirtschaftliche, soziale oder gesundheitliche Bedingungen jemanden aus dem kulturellen Leben aussperren. Diese Sicht hat auch Schwendter über viele Jahrzehnte hinweg vertreten.
Mit dem „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ 2008 ehrt die Jury sein jahrzehntelanges entschiedenes Eintreten gegen jegliche Form von Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben. Mit dem Preis würdigt sie seinen Einsatz für die volle kulturelle und soziale Teilhabe aller Menschen ohne Ansehen ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Situation.
In Prof. Dr. Dr. Dr. Rolf Schwendter sieht die Jury einen Humanisten, der eine menschlicher ausgerichtete Gesellschaft nicht nur angestrebt, sondern selber schon gelebt hat. Er ist einer, der das Ideal Voltaires verwirklicht, jeden Einzelnen in seiner individuellen Andersartigkeit zu respektieren.

Jürgen Neitzel

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