Vorbildlicher Einsatz für Ausgestoßene – Preisbegründung der Jury

Preisverleihung 2009

Sabriye Tenberken erheilt das marburger Leuchtfeuer (Foto: Jürgen Neitzel)

Das Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte erkennt die Jury im Jahr 2009 der Pädagogin und Sozialmanagerin Sabriye Tenberken zu. Damit würdigt sie ihr internationales Wirken für ein gleichberechtigtes Leben von Menschen mit Behinderungen in der Mitte der Gesellschaft. Durch die Gründung der ersten Blindenschule Tibets in Lhasa hat sie nicht nur den diskriminiertesten Kindern und Jugendlichen Tibets eine Perspektive eröffnet, sondern zugleich auch Behinderten in Europa ein Vorbild gegeben.
Mit der Wahl der diesjährigen Preisträgerin möchte die Jury vor allem Menschen mit Behinderungen ermutigen, sich mit ihren individuellen Fähigkeiten und Ideen selbstbewusst in die Gesellschaft einzubringen. Dabei müssen sie selbstverständlich keine Vorzeige-Behinderten werden. Aber die Preisträgerin des „Marburger Leuchtfeuers“ 2009 zeigt, dass Blinde sich nicht scheuen müssen, ihre Ansichten, Wünsche und Träume zu äußern und auch zu verwirklichen.
Wäre Sabriye Tenberken nicht blind, dann wäre ihre Leistung immer noch lobenswert und vorbildlich. Ihre Behinderung hat sie nicht als Einschränkung verstanden, die sie daran hindern könnte, ihre Pläne umzusetzen.
Die Idee, sich für die Lebensbedingungen von Menschen in der sogenannten „Dritten Welt“ zu engagieren, hat Tenberken als Schülerin an der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) in Marburg entwickelt. Hier hat sie 1992 ihr Abitur gemacht. In ihrer Heimatstadt Bonn hat sie anschließend Tibetologie studiert. Dazu musste sie eine spezifische Blindenschrift für die tibetische Sprache entwickeln, weil es tibetisches Braille zuvor noch nicht gab.
Als die junge Tibetologin 1997 erstmals nach Tibet reiste, war sie erschüttert von den Lebensbedingungen der Blinden dort. Ihr Engagement zugunsten einer gleichberechtigten Bildungsmöglichkeit für Blinde war die folgerichtige Konsequenz. Auf eigene Faust ist sie allein nach Tibet gereist und hat in unzugänglichen Gebirgsregionen dort nach blinden Kindern gesucht.
Ihr Ziel beim Aufbau der Blindenschule in Lhasa war Hilfe zur Selbsthilfe. Das selbe Ziel verfolgt in doppelter Weise jetzt auch ihr Projekt zur Ausbildung behinderter Sozial-Manager im indischen Kerala.
Gemeinsam mit dem Niederländer Paul Kronenberg und anderen hat Sabriye Tenberken in Lhasa tatkräftig am Aufbau eines Zentrums zur Ausbildung blinder Kinder und Jugendlicher gearbeitet. Vorher waren Blinde in Tibet weitgehend geächtet, da ihre Behinderung als Ausdruck göttlicher Strafen für Verfehlungen in einem früheren Leben gedeutet wurde.
Mit ihrem Engagement haben Kronenberg und Tenberken einen Finger in die Wunde gelegt, die bei der sogenannten „Entwicklungshilfe“ häufig unversorgt bleibt: Angesichts der Not in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas kommen Behinderte oft zu kurz. Gerade ihnen aber haben die beiden ihre ganze Aufmerksamkeit gewidmet, um sie zu einem gleichberechtigten Leben in ihrer Heimat zu befähigen.
Auch in Deutschland werden Behinderte im Alltag immer noch benachteiligt. Stufenlose Zugänge zu Gebäuden, rollstuhlgerechte Aufzüge, akustische Informationssysteme oder barrierefreie Internetseiten sind noch lange nicht die Regel. Auch hier gibt es immer noch einiges zu tun.
Bei aller berechtigten Kritik an ungerechten Verhältnissen hierzulande wollen wir aber auch die Sensibilität dafür schärfen, dass Menschen in anderen Teilen der Welt noch viel härter um ihre Existenz kämpfen müssen als wir. Mit Sabriye Tenberken würdigt die Jury deshalb auch das international ausgerichtete Engagement für eine gerechtere Weltordnung.
Die diesjährige Preisträgerin hat beides gleichzeitig geschafft: Den Blinden in Europa hat sie gezeigt, dass es sich lohnt, die Ärmel hochzukrempeln und die eigenen Träume tatkräftig zu verwirklichen. Den Menschen in der sogenannten „Dritten Welt“ hat Sabriye Tenberken einen gangbaren Weg aufgezeigt, um ihr Projekt in Lhasa nach acht Jahren in die Obhut der Einheimischen zu entlassen.
Die Jury zeichnet ihren Einsatz nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe aus. Ebenso würdigt sie die gelebte Gleichberechtigung der blinden Aktivistin in einer Umgebung, die Behinderten nicht gerade aufgeschlossen gegenübersteht.
Die Jury würdigt ihren Mut, ihre Tatkraft und ihre Ehrlichkeit bei der Berichterstattung über ihr Projekt. Bei aller öffentlichen Aufmerksamkeit ist Sabriye Tenberken dennoch natürlich und bescheiden geblieben.

Matthias Schulz

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