Ruby Hartbrich: Dankesworte und Plädoyer für die Seenotrettung

Ruby Hartbrich Rede

Preisträgerin Ruby Hartbrich

Die Preisträgerin Ruby Hartbrich hat bei der Verleihung des Marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte am Dienstag (9. Juli) im Historischen Saal des Marburger Rathauses eine kurze Dankesrede gehalten.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Heute diesen Preis zu erhalten, ist keine Selbstverständlichkeit. Im derzeitigen politischen Klima scheint es immer schwieriger, den eigenen Wertekompass richtig ausgerichtet zu halten. Deshalb freue ich mich umso mehr, dass die Humanistische Union Marburg sich entschieden hat, eine Arbeit auszuzeichnen, die vielerorts kritisiert und sogar kriminalisiert wird: Die Rettung von Menschen auf der Flucht im Mittelmeer.
In der EU geboren zu sein, ist keine persönliche Errungenschaft. Es ist Zufall. Und gerade deshalb lohnt es sich für jeden, sich einmal die folgende Frage zu stellen:
Was würde ich tun, wenn ich nicht hier, sondern in Somalia oder Eritrea geboren wäre?
Die Antwort würde wahrscheinlich lauten: Fliehen (!) aus dem politischen Regime, aus Krieg, Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit. Fliehen dahin, wo Frieden ist, wo ich Zugang zu einem Gesundheitssystem habe und meine Kinder Bildung erhalten.
Wer das nicht nachvollziehen kann, hat das Herz nicht am rechten Fleck und fühlt sich zu Unrecht als Mitglied der europäischen Wertegemeinschaft.
Ich möchte mich zunächst bei meiner Familie und bei meinen Freundinnen und Freunden bedanken, die mich auf diesem Weg begleitet und unterstützt haben.
Ihr habt mir den Rücken gestärkt, wenn es schwierig wurde und seid für mich eingestanden, wenn rassistische Stimmen laut wurden.
Ihr habt es mir ermöglicht, mich in dem Ausmass zu engagieren, in dem ich es getan habe. Danke dafür!
Ich verstehe mich als Preisträgerin jedoch vielmehr stellvertretend für Sea-Watch und für all diejenigen Menschen, die sich seit Jahren unabdinglich für Menschen auf der Flucht einsetzen und all ihre Energie darin stecken, dass Flüchtenden die gleichen Menschenrechte zukommen, wie uns Europäerinnen und Europäern.
Heute hier neben Kristina Hänel zu stehen, macht mich verlegen. Ich werde wie sie heute als Einzelperson ausgezeichnet, doch war ich immer Teil eines Teams und einer Organisation, letztendlich auch einer politischen Bewegung, die nur in ihrer Gesamtheit so wirksam agieren konnte und kann. Ich bedanke mich deshalb auch bei allen anderenSeenotretterinnen und Seenotrettern und Sea-Watch für die unglaubliche Arbeit, die seit 2015 geleistet wurde und auch in Zukunft geleistet werden wird – trotz aller politischer Hindernisse.
Ich freue mich sehr darüber, dass Marburg, meine Wahlheimat, sich für Flüchtende einsetzt und bereits ein sicherer Hafen geworden ist, der bereit ist, gerettete Menschen aufzunehmen und ihnen eine Zukunft zu schenken. Für mich ist die Wahl von mir als Preisträgerin auch ein weiteres Zeichen der Stadt nach außen: Wir kriminalisieren die Seenotrettung nicht, sondern unterstützen sie. Danke für dieses klare politische Signal.
Lassen Sie uns weiter dafür einstehen, dass allen Menschen die selben Rechte zugestanden werden und niemand an der EU Aussengrenze ertrinken muss. Wir müssen solidarisch sein mit allen Menschen, egal woher sie kommen und egal wohin sie gehen, denn sie haben genau wie wir verdient, zu leben.
In diesem Sinne bedanke ich mich persönlich und im Namen von Sea-Watch für diesen bedeutenden Preis und für das Hochhalten von Menschenrechten hier in Marburg.
Ruby Hartbrich
Ärztin in der Sea-Watch-Crew

2 Kommentare zu “Ruby Hartbrich: Dankesworte und Plädoyer für die Seenotrettung

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