Corona mahnt Mitmenschlichkeit an: Grußwort von Franz-Josef Hanke

Franz-Josef Hanke

Franz-Josef Hanke begrüßte die Gäste der Preisverleihung im Namen der HU Marburg. (Foto: Kalkidan Chane)

Stefan Diefenbach-Trommer hat am 9. Juli das Marburger Leuchtfeuer 2020 entgegengenommen. Für die HU hat Franz-Josef Hanke die Feierstunde mit einem Grußwort eröffnet.
Sehr geehrter Herr Oerbürgermeister, liebe Stadträtin Kirsen Dinnebier, liebe Jutta Sundermann, lieber Ehrenbürger und Jury-Sprecher Egon Vaupel, liebe Mitglieder Jury, liebe Angehörige und Kolegen des Preisträgers, liebe Kolleginnen und Kollegen der Presse und – last, but not least – lieber Stefan Diefenbach-Trommer!
In den Monaten der Corona-Pandemie ist es etwas Besonderes, eine Preisverleihung nicht virtuell, sondern real in einem geschlossenen Raum wie diesem wunderbaren Historischen Saal des Marburger Renaissance-Rathauses durchzuführen. Der Humanistischen Union und der Jury war es aber ein wichtiges Anliegen, den diesjährigen Preisträger Stefan Diefenbach-Trommer und sein Engagement für eine gemeinnützige Zivilgesellschaft gerade jetzt in diesem würdigen Rahmen auszuzeichnen. Ganz besonders zu Zeiten der Pandemie haben wir hier in Marburg so viel Solidarität und Einsatz für Nachbarschaft und Mitmenschen erleben dürfen, dass die Unverzichtbarkeit gemeinnützigen Einsatzes deutlicher erkennbar geworden ist als je zuvor.
Mein großer Dank gilt Jutta Sundermann, die keine Mühen gescheut hat, hier heute die Laudatio auf ihren langjährigen Mitstreiter Stefan Diefenbach-Trommer zu halten. Als Mitbegründerin von ATTAC Deutschland und der Aktion Agrar sowie in der Bewegungsstiftung ist sie selber eine herausragende Persönlichkeit der Umweltbewegung und der Bewegung für Soziale Gerechtigkeit national wie international. Herzlichen Dank für Ihr Engagement für unsere Zukunft, liebe Frau Sundermann!
Vor 15 Jahren haben wir in diesem Saal zum ersten Mal das „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ verliehen. Zum 16. Mal stehe ich mit einem Grußwort andiesem Redepult, um den 17. Preisträger zu würdigen.
Genau hier hat oft auch Staatsminister Dr. Thomas Schäfer gestanden, um als Vertreter der Hessischen Landesregirung Ehrungen vorzunehmen und Menschen zu würdigen. Am 28. März ist er von uns gegangen. Ich gedenke seiner mit Respekt und Trauer sowie voller Mitgefühl mit seiner Familie.
Selbst dieser „Fels in der Brandung“ war offenbar nicht dem Druck gewachsen, der auf Politikernmanchmal lastet. Darum wünsche ich mir – auch in der politischen Auseinandersetzung um unterschiedliche Standpunkte – immer die Achtung von den Menschen, die sich für Demokratie auf allen Ebenen der Politik einsetzen. Ich möchte nicht Entscheidungen in einem Krisenstab treffen müssen,die sich hinterher vielleicht aufgrund unvorhersehbarer Entwicklungen als falsch herausstellen könnten.
Neben Thomas Schäfer gedenke ich der vier Menschen, die im Landkreis Marburg-Biedenkopf an den Folgen von Covid 19 gestorbensind, sowie der rund 600.000 Corona-Toten und der 12 Millionen Infizierten weltweit, die möglicherweise dauerhafte Schäden erlitten haben. Ich schließe all diejenigenindas Gedenkenmit ein, die indirekt unter der Pandemie gelittenhaben und leiden, wie beispielsweise Schiffbrüchige auf dem Mittelmeer, denen die Anrainerländer mit Verweis auf das Coronavirus keinen „Sicheren Hafen“ bieten wollen. Beispielhaft für die Helferinnen und Helfer, die dem Coronavirus am Ende selber zum Opfer gefallen sind, gedenke ich des Augenarztes Li Wenliang aus Wuhan in China, der seinen Einsatz für Infizierte am 6. Februar 2020 mit dem Leben bezahlt hat.
Ohne das entschiedene Eintreten vieler Mitmenschen für ihre Nachbarn, aber auch für Menschenanderswo auf der Welt, denen es häufig viel schlimmer geht als uns hier im vergleichsweise reichen Deutschland,wäre die Pandemie gewiss eine noch viel schlimmere Katastrophe. Überall dort, wo Eigensinn und Ignoranz regieren, schnellen die Todesraten in die Höhe. Eine deutlichere Mahnung zu Respekt vor gemeinnützigem gesellschaftlichen Engagementkann man wohl kaumaussprechen.
Solidarität und „Empowerment“ waren die wichtigsten Beweggründe für die Humanistische Union, im Jahr2005 das Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte ins Leben zu rufen. Von Anfangan warenin der Jury immer Menschen vertreten, die selbst von Ausgrenzung durch den Leistungsbezug von Hartz IV oder durch eine Behinderung betroffen waren. Wir wollten nicht über Themen sprechen, ohne Betroffene in die Entscheidung mit einzubeziehen.
Aus diesem Grund haben die HU Marburg und die Jury bei ihrer Sitzung im Februar 2020 einstimmig Kalkidan Chane als achtes Mitglied in die Jury berufen. Wir heißen Kalkidan Chane aus vollem Herzen willkommen und hoffen, auch die Stadt Marburg schließt sich dieser Entscheidung an: „Willkommen in Marburg, liebeKal!“
Erst vor wenigen Tagen war zu lesen,dass die Stadt Marburg Projekte gegen Rassismus fördert. Bei Demonstrationen beispielsweise nach den Morden in Hanau und dem Anschlag auf die Synagogein Halle warenTausende in Marburg auf der Straße. Das ist ein Grund, warum ich so froh bin, in dieser Stadt zu leben.
Wir in Marburg sind uns einig: Hier gibt es keinenPlatz für Rassismus. Menschlichkeit ist das wesentliche Element, in dem Demokratie wirklich gedeihenkann.
Darum wünsche ich mir „mehr marburg auch anderswo in Deutschland“. Die Kultur des sozialen Miteinander und der Solidarität ist das Leuchtfeuer, das diese Stadt strahlen lässt über dieengen Gassen der Oberstadt und die hohen Türme der Elisabethkirche hinaus. Dieses Leuchtfeuer wollen wir heute hier wieder einmal mit neuem Glanz erstrahlenlassen und zum Leuchten bringen.
„Zivilgesellschaft ist gemeinnützig“,lautet das Motto der Allianz für Sicherheit in der politischen Willensbildung. „Feiernist angesagt“,lautet nundas Motto der nächsten Stunde, die eine Ermutigung sein soll, Probleme gemeinsam anzupacken und für die Gemeinschaft einzutreten. Dir, lieber Stefan, und allen Anwesenden hier im Saal, wünsche ich eine besinnliche, würdige und heitere Feierstunde.