Dr. Margot Käßmann: Laudatio Marburger Leuchtfeuer

Anrede.
Gleich zwei Preisträger zeichnen Humanistische Union in Marburg und die Stadt Marburg in diesem Jahr mit dem „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ aus: Dr. Kurt Bunke und Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat. Damit würdigen die Stadt und die Humanistische Union Marburg zwei Männer, die sich hier vor Ort sowie in der Region ganz konkret für Mitmenschlichkeit, Dialog und Gemeinschaft engagieren.

In einer Zeit, in der das Gewebe, das unsere Gesellschaft zusammenhält, zu bröckeln scheint und bewusst angegriffen wird, ist solches Engagement von unschätzbarer Bedeutung. Es sind immer wieder Menschen vor Ort, die im Miteinander dafür sorgen, dass nicht Hass, Hetze und Pöbelei das Leben bestimmen, sondern Sorge füreinander, der Blick darauf, wo ich für andere der oder die Nächste sein kann.
Als mich die Humanistische Union Marburg gefragt hat, ob ich heute die Laudatio halten würde, war ich ein wenig überrascht. Wer sich auskennt weiß, dass die Humanistische Union der evangelischen Kirche, sagen wir, nicht immer so ganz wohlgesonnen ist. Ich wurde dann aber überzeugt, dass meine Laudatio gewünscht wird, gerade weil es um den Dialog und das friedliche Miteinander der Religionen in unserem Land geht. Dem fühle ich mich verbunden, auch durch den Deutschen Dialogpreis, der mir verliehen wurde, verpflichtet und habe dann auch als gebürtige Marburgerin in Verbundenheit zu dieser Stadt und ihrer Weltoffenheit gern zugesagt. So ich bin heute hier Laudatorin, nicht Inquisitorin…
Dr. Kurt Bunke wird ausgezeichnet für sein Engagement als Gewerkschafter, vor allem aber für seine jahrzehntelange Unterstützung von Menschen mit Migrationserfahrung im von ihm gegründeten Cölber Flüchtlingsarbeitskreis. Lieber Herr Dr. Bunke, mich hat natürlich auch gefreut, dass Sie maßgeblich an der Sanierung der Kirche in Bürgeln beteiligt waren! Entscheidend jedoch war für die Jury, dass Sie sich immer wieder ganz konkret für Geflüchtete einsetzen. Im ganzen Landkreis Marburg-Biedenkopf unterstützen Sie Aktivitäten von Geflüchteten und Einheimischen, die im Netzwerk Ehrenamt-Flucht-Integration zusammengestellt werden. Das Miteinander ist für Sie entscheidend.
Wer Sie im Netz googelt, findet ein Foto, auf dem Sie bei einer Demonstration beteiligt sind, auf der die ersten die mit einem Banner vorangehen. Auf dem Banner steht: „Christen, Juden und Muslime gemeinsam für Menschlichkeit gegenüber Fremden.“ Darunter sind Texte aus der Bibel, der Thora und dem Koran zitiert, die alle den Glaubenden ihrer Religion gebieten. Der entsprechende Vers aus dem hebräischen Teil der Bibel lautet: „Und wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ (Lev 19, 33f.)
Mir ist dieser Vers besonders wichtig. Mein Kollege und Freund Clemens Bittlinger hat ein Lied gedichtet, das lautet: „Könnte ich sein“. Ja, das könnte ich sein, die mein Land wegen Bürgerkrieg oder Hunger verlassen muss. Ja, das könnte ich sein, die plötzlich in einem fremden Land ist, die Sprache und die Umgangsformen nicht kennt und auf die Unterstützung der Einheimische angewiesen ist. Genau diesen Gedanken greift der Bibelvers auf: Auch ihr seid Fremdlinge gewesen – was auf die Versklavung der Israeliten in Ägypten rekurriert. Genauso kann es heißen: Denn auch ihr könntet Fremdling sein. Dass wir hier in Deutschland uns immer wieder klar machen, wie gut wir es haben, ist wichtig. Ich bin dankbar, als Frau nach 1945 in diesem Land geboren zu sein. Meine Eltern hatten im Krieg beide ihre Heimat verloren und haben hier in Hessen eine neue Heimat gefunden. Obwohl sie keine Akademiker waren, konnte ich hier in Marburg Abitur machen und studieren. Ich durfte Pfarrerin werden, ja sogar Bischöfin und meine Kinder durften im Frieden aufwachsen. Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung. Und wer dankbar ist, teilt gern.
Natürlich werden jetzt gleich die Kritiker kommen und sagen: Aber es gibt doch Probleme mit Geflüchteten, denken wir nur an die Silvesternacht in Köln 2015/16, denken wir nur an Attentate wie auf dem Berliner Breitscheidplatz oder in Solingen. Ja, elf islamistisch motivierte Anschläge gab es in den letzten 26 Jahren in unserem Land. Daraus aber zu schließen, Integration von Menschen muslimischen Glaubens sei in Deutschland grundsätzlich nicht möglich, ist ein Trugschluss. Die ganz große Mehrzahl der zugewanderten Menschen hat sich doch schon längst, ja seit Jahrzehnten integriert. Zugewanderte haben einen Arbeitsplatz gefunden, erleben und prägen Deutschland als unsere gemeinsame Heimat. Und wenn jetzt jemand sagt: Aber sie sprechen Zuhause arabisch, kleiden sich anders und feiern Ramadan, dann kann ich nur sagen: Reisen Sie mal nach Brasilien oder nach Namibia. Die Nachfahren der deutschen Einwanderer feiern da Advent samt Kranz und treffen sich in deutschsprachigen Gemeinden! Als ich den Herbst 2010 in den USA verbracht habe wurde ich zu unzähligen Oktoberfesten eingeladen. Integration heißt nicht, die Herkunftsheimat leugnen, sondern sich bewusst neu beheimaten, ohne die eigene Herkunft zu vergessen. Gemeinsam hier im Land auf der Grundlage von Recht und Verfassung Zukunft zu gestalten, darum geht es.
Hetznachrichten vom rechten politischen Rand versuchen in unserer Zeit massiv, einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben. Sie wollen definieren, wer „biodeutsch“ ist und machen das fest an zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern – das entspricht übrigens dem kleinen Ariernachweis der Nazis! Wobei mich immer irritiert hat: Jüdische Eltern und Großeltern waren eben doch auch Deutsche! Sie sind es heute ebenso wie christliche und muslimische.
Eine frohmachende Gesellschaft wäre das mit all den Biodeutschen für mich übrigens nicht, in der Horden grölend mit Springerstiefeln durch die Straßen ziehen, Menschen ausgrenzen, verängstigen und Frauen in die traditionellen Rollen verfrachten wollen. Es geht doch nicht um Herkunft, sondern um Zukunft, die wir in diesem Land miteinander gestalten wollen – in Vielfalt! Und diese Vielfalt tut uns gut! Danke also Herr Dr. Bunke, dass Sie entschieden für diese Vielfalt eintreten, für ein Miteinander, dem es um die Menschen geht und nicht um Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexuelle Orientierung.
Damit komme ich zum zweiten Preisträger, Professor Dr. Bilal Farouk El-Zayat. Er erhält das Leuchtfeuer für sein Engagement als Vorsitzender der muslimischen Gemeinde Marburg, die Zusammenarbeit im „Runden Tisch der Religionen“ und für seinen Einsatz zur psychotherapeutischen Unterstützung geflüchteter Menschen und Menschen mit Diskriminierungserfahrungen. Er hat einmal gesagt: „Marburg ist meine Heimat. Das ist eine der schönsten Städte der Welt“. Und als ich gelesen habe, dass Sie hier aufgewachsen sind, weil Ihr Vater erblindete und hier die Möglichkeit fand, mit der Erblindung zu studieren, einen Platz im Leben zu finden, hat mich das besonders berührt. Dafür steht Marburg: Integration von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Fähigkeiten und Einstellungen. Als evangelische Christin ist mir das besonders mit Blick auf das Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli 1529 bewusst: Der Versuch, Trennendes zu überwinden, der stand im Mittelpunkt. Dass das nicht immer gelingt, zeigte sich auch damals…
Lieber Herr Prof. El-Zayat, wir teilen über Marburg hinaus auch die Erfahrung von Stadtallendorf, Sie mit der Praxis in der Niederkleinerstraße 7, ich in der Niederkleinerstraße 3 und 46, wo ich aufgewachsen bin. Ich erwähne das, weil für mich die Erfahrung Stadtallendorfs insofern besonders war, als niemand da schon beheimatet war, sondern alle von irgendwoher dorthin kamen: Die Geflüchteten aus Schlesien, Pommern, Ostpreußen und dem Sudentenland ebenso wie die zunächst „Gastarbeiter“ genannten Menschen aus Italien dem damaligen Jugoslawien, der Türkei. Auf dem Gelände der Eisengießerei Fritz Winter entstand schon 1970 eine Moschee! Das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft war in der Stadt Normalität.
Prof. Dr. Bilal El-Zayat, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, der hier in Marburg studiert und promoviert hat, erhält das Marburger Leuchtfeuer für sein Engagement auch als erster Vorsitzender des Vereins Orientbrücke e.V. Der Dialog zwischen Religionen und Kulturen liegt ihm am herzen. Er ist einer der Gründer und Mitglieder des im Jahr 2006 gegründeten Runden Tisches der Religionen. 2009 beispielsweise lud die „Orientbrücke“ Marburger Bürgerinnen und Bürger aller Religionen zum Fastenbrechen ins Ramadanzelt, um gemeinsam an einem Tisch zu feiern. Inzwischen ist das gemeinsame Fastenbrechen eine feste Marburger Tradition geworden.
Besonders erwähnenswert ist seine jahrelange Freundschaft und das Zusammenwirken mit dem leider verstorbenen Leuchtfeuerpreisträger Amnon Orbach. Amnon Orbach war viele Jahre Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde hier in der Stadt. Und Bilal F. El-Zayad als Vorsitzender der Muslimischen Gemeinde, wurde eine besondere Ehre erwiesen, als er von der Jüdischen Gemeinde eingeladen wurde, die letzten Worte in der „zweiten Marburger Thora“ zu schreiben – auch die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen waren übrigens eingeladen. 2019 erhielten die jüdische und die muslimische Gemeinde Marburg den dritten Platz des Hessischen Integrationspreises für den Einsatz für jüdisch-muslimischen Dialog. Im Anschluss haben beide Gemeinden eine offizielle Kooperationsvereinbarung formuliert.
Prof. El-Zayat ist auch zu verdanken, dass am 13.09.2020 die neue Marburger Moschee ihre Tore feierlich eröffnet werden konnte. Wer sich die Aktivitäten der Gemeinde anschaut, begreift, welch positive Rolle sie in der Stadt spielt mit Moscheeführungen, Podiumsdiskussionen, dem jüdisch-muslimischen Spaziergang von der Synagoge zur Moschee zum Fastenbrechen oder auch der Rede von Prof. Dr. El-Zayat bei der „Demo gegen Rechts und gegen Antisemitismus“ im Februar letzten Jahres. Das stetige und klare Zeugnis gegen Antisemitismus zeichnet die muslimische Gemeinde hier in Marburg aus. Und ich wünschte mir, dass all die Stimmen, die so lautstark wissen, was wer denkt und was richtig ist, genauso klar für die gleichberechtigte Teilhabe von Jüdinnen und Juden, von Musliminnen und Muslimen, von Menschen jeden Glaubens in diesem Land an unseren gesellschaftlichen Leben eintreten würden. Für seinen Einsatz für den Dialog der Religionen hier in Marburg wird Professor El-Zayad heute geehrt, darum geht es!
Mir ist das persönlich, als Christin, als Mensch, der dieser Stadt verbunden ist, wichtig, weil ich überzeugt bin, dass Religionen zum Frieden beitragen können. Gewiss, Fundamentalismus in allen Religionen ist gefährlich. Das gilt für Juden, Christen, Muslime, Hindus. Weil Fundamentalisten stets denken, der eigene Weg zu Gott, sei der exklusiv einzige. In der Folge werden Menschen anderen Glaubens oder ohne Glauben abgewertet. Menschen aber, die mit offenem Geist und aufgeklärter Vernunft glauben, sagen: Ich habe meine Wahrheit über Gott gefunden. Doch ich kann ertragen, tolerieren, dass andere Menschen für sich und ihre Glaubensgemeinschaft andere Wege finden. Mehr noch: Ich interessiere mich für den Glauben anderer Menschen, weil im Gespräch darüber mein eigener Glaube reifen und sich vertiefen kann. Eines Tages wird Gott dieses Rätsel für uns alle auflösen. Wenn ich so glaube, respektiere ich Menschen anderer Religion, engagiere mich für den Dialog und friedliches Miteinander auf der Grundlage des Rechts in unserem demokratischen Staat. Denn die Meinungs-, Rede- und Religionsfreiheit ist ein hohes Gut, das wir gemeinsam wertschätzen. Und zu dieser Religionsfreiheit gehört auch, ohne Religion gleiche Teilhabe erwarten zu dürfen. Dafür steht die Humanistische Union.
Nachdem ich hier in Marburg mein Abitur absolviert habe, begann ich mein Theologiestudium – das ich später in Marburg abgeschlossen habe -, zunächst in Tübingen. Dort lernte ich den römisch-katholischen Theologen Hans Küng kennen. Sein Projekt Weltethos finde ich bis heute bewegend – wir brauchen nicht nur Weltwirtschaft und Weltpolitik, sondern eben auch Weltethos! Gläubige aller Religionen und Menschen ohne Glauben in allen Kulturen sollen hier eine gemeinsame Grundlage für das Zusammenleben in Frieden finden. Es geht um ethische Basisstandards, die von allen bejaht werden können. Zwei Grundprinzipien für ein humanes Ethos werden benannt: Jeder Mensch soll menschlich und nicht unmenschlich behandelt werden, und die sogenannte goldene Regel, was du nicht willst, das man dir tut, das tue auch nicht den anderen. Vier unverrückbare Weisungen, bezüglich derer die großen religiösen und philosophischen Traditionen übereinstimmen, werden benannt:
1. Habt Ehrfurcht vor dem Leben. Die uralte Weisung: Du sollst nicht töten, verstanden in der heutigen Zeit als Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben.
2. Handle gerecht und fair. Die uralte Weisung: Du sollst nicht stehlen, verstanden heute als Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung.
3. Rede und handle wahrhaftig. Die uralte Weisung: Du sollst nicht lügen, verstanden heute als eine Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit.
4. Achtet und liebet einander. Die uralte Weisung: Du sollst Sexualität nicht missbrauchen, verstanden heute als eine Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.
Das Projekt „Weltethos“ steht im Dienst einer weltweiten Verständigung zwischen Religionen und Kulturen mit dem Ziel eines gemeinsamen Menschheitsethos, das allerdings die Religion nicht ablösen soll. Ethos ist und bleibt nach Küng nur eine Dimension innerhalb der einzelnen Religionen und zwischen den Religionen. Es geht nicht um einen Religionsersatz durch ein Ethos. Vielmehr geht es um das Bemühen um den dringend erforderlichen Frieden zwischen den Menschen aus den verschiedenen Religionen dieser Welt zu befördern. Seine Vision hat Hans Küng in vier Sätzen zusammengefasst:
„Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen,
kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen,
kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Maßstäbe,
kein Überleben unseres Globus ohne ein globales Ethos, ein Weltethos.“
Es braucht Beharrungsvermögen, ja die Kraft und den langen Atem für Visionen, um das Projekt Weltethos lebendig werden zu lassen. Es braucht auch eine klare Haltung, allen Diffamierungen, allen hasserfüllten Angriffen dieser Tage, allen Pöbeleien und all der Vergiftung des demokratischen Miteinanders entgegenzustehen. Und wir brauchen, das will ich betonen, auch Humor. Denn humorlose Menschen werden die Welt nicht zum Besseren verändern. Ich bin überzeugt, beide Preisträger heute stehen mit klarer gemeinsamer Haltung hier in Marburg für Dialog, Zukunft und Gemeinschaft ein. Dafür gebührt ihnen Lob und Dank, dafür werden Sie ausgezeichnet. Sie sind in der Tat Marburger Leuchtfeuer!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.