Egon Vaupel: Preisbegründung der Leuchtfeuer-Jury 2026

Das Marburger Leuchtfeuer 2026 wurde am 30. Oktober im Historischen Saal des Marburger Rathauses verliehen. Egon Vaupel hat die Preisbegründung der Jury als deren Sprecher vorgetragen.

Gleich zwei Preisträger zeichnen die Universitätsstadt Marburg und die Humanistische Union (HU) in diesem Jahr mit dem „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ aus: Der Arzt Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat erhält das Leuchtfeuer für sein Engagement als Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Marburg bei der Zusammenarbeit im „Runden Tisch der Religionen“ und für seinen Einsatz zur psychotherapeutischen Unterstützung geflüchteter Menschen und Menschen mit Diskriminierungserfahrungen. Der pensionierte Universitätsbedienstete Dr. Kurt Bunke wird für sein langjähriges Engagement als Gewerkschafter und die Unterstützung von Menschen mit Migrationserfahrung ausgezeichnet, die inzwischen über mehr als 40 Jahre andauert. Beide haben sich für Mitmenschlichkeit, Toleranz und Respekt sowie das aktive Eintreten für geflüchtete Menschen ohne Ansehen ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit eingesetzt und zugleich auch durch ihr Eintreten für Demokratie und gegen Rechtsextremismus hervorgetan.
Mit dem Marburger Leuchtfeuer 2026 würdigt die Jury ihre Beharrlichkeit und ihre Bereitschaft, sich für Menschen einzusetzen, die oft am Rande der Gesellschaft in Unsicherheit leben und leider zunehmend häufiger Anfeindungen und rassistischen Ressentiments ausgesetzt sind. Den menschenverachtenden Forderungen nach „Remigration“ setzen beide Preisträger ihre persönliche Empathie und Solidarität entgegen. Das tun sie nicht in erster Linie mit großen Worten, sondern oft im Stillen über Jahre und Jahrzehnte hinweg mit ganz konkreten Taten.
„Nicht übereinander reden, sondern miteinander“ lautet die Devise von Bilal El-Zayat. Christen, Juden und Muslime laden einander zu ihren jeweiligen Feiertagen ein und pflegen auch darüber hinaus beständige Kontakte. Das gilt nicht nur für das Ramadan-Zelt während des islamischen Fastenmonats, sondern auch beispielsweise für die Einweihung der Moschee Bei St. Jost im Jahr 2018, an der eine größere Gruppe von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde teilgenommen hat.
Bereits zuvor war durch die enge Zusammenarbeit von Bilal El-Zayat mit Amnon Orbach von der Jüdischen Gemeinde sowie Vertreterinnen und Vertretern christlicher Kirchen beim „Runden Tisch der Religionen“ ein Vertrauensverhältnis entstanden. Orbach und El-Zayat verband eine langjährige Freundschaft, die keineswegs nur aus offiziellen Begegnungen bestand. Orbach unterstützte den Bau der Marburger Moschee, und El-Zayat nahm an jüdischen Feiertagen in der Synagoge teil. Beide engagierten sich für die Verständigung zwischen Juden und Muslimen.
Am 29. November 2015 wurde eine neue Torarolle für die Jüdische Gemeinde Marburg feierlich vollendet. Bilal El-Zayat erhielt dabei als Vertreter der Islamischen Gemeinde die besondere Ehre, symbolisch am Schreiben der letzten Buchstaben mitzuwirken. Er legte seine Hand auf die Hand des jüdischen Toraschreibers. Er war der erste muslimische Gelehrte weltweit, dem diese Ehre zuteil wurde. Darüber berichteten nicht nur deutsche, sondern auch internationale jüdische Medien.
Dafür wurden die jüdische und die Islamische Gemeinde Marburg 2019 mit dem Integrationspreis des Landes Hessen ausgezeichnet. Das veranlasste beide Gemeinden, diese Zusammenarbeit 2019 in einem Kooperationsvertrag festzuschreiben. Diese Zusammenarbeit würdigt nach dem Land Hessen nun auch das „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ an Herrn El-Zayat als maßgeblichen Begründer.
Bemerkenswert ist hier eine Aussage Orbachs, die 2020 in der „Jüdischen Allgemeinen“ veröffentlicht wurde: Auf die Frage nach seiner wertvollsten Erinnerung aus seiner jahrzehntelangen Arbeit für die jüdische Gemeinde nannte der Leuchtfeuer-Preisträger des Jahres 2022 die Teilnahme des muslimischen Gemeindevorsitzenden an der Vollendung dieser Torarolle. Man muss sich die Bedeutung dieser Aussage vor Augen führen: Amnon Orbach hatte sich über Jahrzehnte für die Wiedererrichtung jüdischen Lebens in Marburg eingesetzt. Die neue Synagoge war sein Lebenswerk. Und dennoch war für ihn diese gemeinsame religiöse Zeremonie eine ganz besonders wertvolle Erinnerung.
Bilal El-Zayat hat dieses Erlebnis zu weiteren Aktivitäten ermutigt: Aus den Diskriminierungserfahrungen vieler Gemeindemitglieder ist 2023 der Verein „SOUL Marburg“ hervorgegangen. „SOUL“ ist primär ein Beratungsangebot für Menschen, die aufgrund ihrer ethnischen, kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit, Vorurteilen oder Diskriminierung ausgesetzt sind. Dazu gehören Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte oder Fluchterfahrung. Inzwischen ist diese Arbeit aus der solidarischen Unterstützungsarbeit für Geflüchtete in Marburg kaum mehr wegzudenken.
Immer wieder betont Bilal El-Zayat gerade gegenüber den Gemeindemitgliedern die Bedeutung von Bildung. Sein gesamtes Auftreten steht in krassem Gegensatz zu landläufigen Vorurteilen gegenüber Muslimen. Damit ist er vielen ein Dorn im Auge, die ihre Feindbilder unbedingt aufrechterhalten wollen.
Nach dem 7. Oktober 2023 gab es in Marburg eine Gedenkveranstaltung, bei der palästinensische Mitglieder der islamischen Gemeinde gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde unter der israelischen Flagge der Opfer des schrecklichen Terroranschlags gedacht haben. Auch das ist zu großen Teilen Bilal El-Zayat und seiner Dialogbereitschaft zu verdanken. Durch sein Engagement und dessen Wirkung beweist Bilal El-Zayat auf beeindruckende Weise seine demokratische, humanistische und tolerante Grundeinstellung.
Seit Jahren engagieren sich die beiden Preisträger Bilal El-Zayat und Kurt Bunke für Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Immer wieder haben sie Aktivitäten dazu auch zusammen durchgeführt. Die gemeinsame Ehrung ist der Jury deswegen ein Anliegen, weil sie die Vielfalt gesellschaftlichen Engagements für Geflüchtete anhand von zwei herausragenden Protagonisten ehrt.
Während seines Berufslebens war Dr. Kurt Bunke im Auslandsamt der Philipps-Universität Marburg Ansprechperson für ausländische Studierende. Schon damals war er auch mit den Problemen von Asyl und dauerhafter Integration in Deutschland befasst. Sein Einsatz ging dabei weit über das erwartbare Maß hinaus und brachte ihm großes Vertrauen bei Betroffenen und anderen Studierenden ein.
Im Ruhestand hat er seine Kenntnisse dann in den neugegründeten Cölber Arbeitskreis Flüchtlinge (CAF) eingebracht. Gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern seines Wohnorts sowie Menschen aus dem Umfeld der Evangelischen Kirche hat er sich der Unterstützung von Geflüchteten gewidmet. 2014 richtete der CAF einen Sprachentreff und einen Begegnungstreff ein.
2015 folgte der Internationale Begegnungsgarten, in dem Einheimische gemeinsam mit Geflüchteten Nutzpflanzen säten und ernteten. Der Vereinsgründer Bunke fungiert als Sprecher des CAF und unterstützt dessen Arbeit auch als Kontaktperson. Dabei musste er mehrmals miterleben, wie kranke Menschen und ganze Familien mit Kindern – teilweise getrennt – abgeschoben wurden. Einige drohende Abschiebungen konnte er durch seinen unermüdlichen Einsatz erfreulicherweise aber verhindern.
Sein Engagement für ein friedliches Zusammenleben aller umfasst auch die Wiederherrichtung der Alten Kirche im Cölber Ortsteil Bürgeln. Seit 2017 wird sie als Kulturkirche genutzt und bietet in den Sommermonaten ein wechselndes Kulturprogramm mit Konzerten, Lesungen und Ausstellungen. Seit Oktober 2020 ist es sogar möglich, standesamtliche Trauungen in der Kirche durchzuführen.

Die Jury würdigt das Eintreten der beiden Preisträger für eine friedliche und solidarische Gesellschaft sowie die Universalität der Menschenrechte. Zugleich tritt sie damit auch islamophoben Anfeindungen entgegen, denen auch die Islamische Gemeinde immer wieder ausgesetzt wird. Mit der Preisverleihung setzt sich die HU Marburg für ein friedliches Zusammenleben in gegenseitigem Respekt ein, wie beide Preisträger es seit vielen Jahren auf eindrucksvolle Weise vorgelebt haben.
Die kulturelle Vielfalt umfasst nach Überzeugung der Jury auch den friedlichen Islam als eine Religionsgemeinschaft, die bereits seit mehreren hundert Jahren in Deutschland heimisch ist. Ausdrücklich wendet sich die HU Marburg gegen Antisemitismus und Islamophobie als Ausdruck rassistischer Herabwürdigung von Menschen und ihren religiösen Prägungen. Nicht zuletzt auch dank der beiden Preisträger ist die Praxis des Zusammenlebens in Marburg zum allergrößten Teil von gegenseitigem Respekt und religiöser wie weltanschaulicher Toleranz geprägt. Wer wirklich in Marburg mit seiner jahrhundertealten Tradition sozialer Empathie heimisch ist, der kann das Engagement von Bilal El-Zayat und Kurt Bunke gegen eine Verrohung des gesellschaftlichen Diskurses und für Mitmenschlichkeit nur mit Anerkennung und Bewunderung betrachten. Wegen ihres herausragenden Einsatzes erhalten Dr. Kurt Bunke und Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat das „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“ 2026.