Dr. Kurt Bunke: Mahnende Dankesworte eines Preisträgers

Das Marburger Leuchtfeuer 2026 wurde am 30. Oktober im Marburger Rathaus verliehen. Der Preisträger Dr. Kurt Bunke dankte für die Auszeichnung.

Sehr geehrte Damen und Herrn,
die Formel „non sum dignus“ geht ja bekanntlich auf den neutestamentlichen Hauptmann von Kapernaum zurück und wird häufig als rhetorisches Kennzeichen besonderer Bescheidenheit verwendet. Für den heutigen Anlass taugt sie nicht. Ich habe nicht tiefgründig darüber nachgedacht, ob ich der Auszeichnung mit dem Marburger Leuchtfeuer für soziale Bürgerrechte würdig bin, sondern mich ganz schlicht darüber gefreut. Ein herzliches Dankeschön an Jury und Laudatorin!
Eigentlich sollte ehrenamtliches Engagement für geflüchtete Menschen selbstverständlich sein. Achtung und Schutz der Würde des Menschen sind ja bekanntlich Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Doch Abschiebeknäste wollen zur Würde des Menschen ebenso wenig passen wie befestigte Lager außerhalb unserer Grenzen, in denen Asylsuchende konzentriert werden. Schauen wir uns einmal in unserer näheren Umgebung um!
Eine Familie aus Stadtallendorf, die seit Jahren durch eigene Arbeit für sich selbst sorgen kann, wird abgeschoben. Darunter ist ein Mädchen mit Lernbehinderung. Ein Familienvater mit diagnostizierter Schizophrenie wird zur freiwilligen Ausreise gezwungen. Er und seine Familie entgehen damit einer Abschiebung, die ihn in die Nähe des Selbstmords brächte. Ein angehender Maler und Lackierer wird trotz Berufsausbildungsvertrag abgeschoben und darf bis heute nicht zurück. Dabei hat die Ausländerbehörde seine Einreisesperre nach der Abschiebung schon lange aufgehoben. Ein künftiger Medizinischer Technologe für Radiologie und ein Azubi als Elektroniker in der Klima- und Gebäudetechnik müssen in langwierigen und kostspieligen Verfahren ausreisen und im Ausland ein Visum beantragen. Erst dann dürfen sie zu den Unternehmen zurückkehren, mit denen sie längst gültige Berufsausbildungsverträge hatten.
Solange so etwas passieren kann und von Politikerinnen und Politikern in höchsten Ämtern sogar noch als notwendige Asylreform gepriesen wird, solange ist ehrenamtliche Arbeit bitter nötig. Ich danke allen, die sich in Marburg, Cölbe und im Landkreis dieser Aufgabe stellen.
Liebe Mitstreiter*innen des CAF und des Netzwerks Ehrenamt-Flucht-Integration, ihr werdet heute zusammen mit mir geehrt.
„Deus lo vult, Gott will es“ war ab dem 11. Jahrhundert die päpstlich abgesegnete Parole, mit der die Kreuzfahrer ihre Pogrome an der muslimischen, jüdischen und christlichen Bevölkerung von Byzanz, Jerusalem und vielen anderen Städten rechtfertigen wollten. Pete Hegseth, der amerikanische Verteidigungs- bzw. nach eigener Einschätzung Kriegsminister, hat sie sich extra tätowieren lassen. Viele haben es den Kreuzfahrern im Lauf der Geschichte gleich getan, welchen Gott auch immer sie dafür in Anspruch genommen haben.
Die Massaker deutscher Kolonialtruppen im heutigen Namibia gehören in diese Zeitreihe. Erst recht muss der Holocaust hervorgehoben werden, also die industriell organisierte Vernichtung der europäischen Juden in deutschen Konzentrationslagern. In deren Windschatten wurde auch der systematische Völkermord an Sinti und Roma begangen. Der Holocaust hat Vorläufer und Epigonen.
Kein Gott ist davor gefeit, für die Rechtfertigung von Massakern, Völkermord und Terror in Anspruch genommen zu werden. Nicht der Gottvater des Christentums, nicht der Allah des Islam, wie sich beim Überfall der Hamas am 3. Oktober 2023 und schon vorher bei Terrorakten der Taliban und des Islamischen Staats gezeigt hat, und auch nicht der Jahwe der Thora. Er musste oft genug zur Rechtfertigung von massenhaften Tötungen in Gaza herhalten.
Um so höher ist die Leistung meines Co-Preisträgers Bilal El-Zayat für unsere Zivilgesellschaft zu bewerten. Er setzt auf die versöhnende Kraft der Religionen und hat dabei in der jüdischen Gemeinde und den christlichen Kirchen kooperationsbereite Gesprächspartner gefunden. Gemeinsam gegen die Verrohung des gesellschaftlichen Umgangs antreten, das ist die Antwort auf antisemitische und islamophobe Schmierereien an Häuserwänden und Kloschüsseln. Wer Bilal mit plumpen Unterstellungen demontieren möchte, findet sich trotz journalistischer Ausdrucksweise ganz schnell im Lager der gewaltbereiten Agitatoren wieder.
Aber eine Ehrung wie die heutige hat auch ihre heitere und optimistische Seite. Lassen Sie mich deshalb mit Heinrich Heine und einem Zitat aus „Deutschland ein Wintermärchen“ schließen:
Ein neues Lied, ein besseres Lied
O Freunde, will ich euch dichten.
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann,
sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
Vielleicht sind dann ja soziale Bürgerrechte Selbstläufer und müssen nicht mehr durch besondere Ehrung hervorgehoben werden. Es wird aber wohl noch ein Weilchen dauern. Ich danke Ihnen.